Zu Besuch beim NDR und bei TIDE.TV: Wie Töne und Geräusche Kopfkino entstehen lassen

Das Schuljahr 2018/19 stand für die Zeitungsmacherklasse des neunten Jahrgang ganz im Zeichen des Radiojournalismus´. Höhepunkte waren der Besuch im Funkhaus des NDR in der Rothenbaum-chaussee sowie die Produktion einer eigenen Radiosendung RESPEKT! mit der Jugendredaktion Schnappfisch vom Hamburger Ausbildungskanal TIDE.

Fragt man fünfzehnjährige Schülerinnen und Schüler der GSH nach ihren Hörgewohnheiten, so kommt der regelmäßige Radiokonsum erst an nachgeordneter Stelle. Das Radio ist nicht mehr das Unterhaltung- und Informationsmedium, das es einmal war, sondern es ist schon längst durch Spotify und Co. abgelöst. Hat die unterrichtliche Auseinandersetzung mit dem Medium Radio da noch einen tiefergehenden Sinn und Nutzen?

Ja, aber vielleicht erst auf den zweiten Blick! Denn modernes Radio hat viele Facetten und sich vor allem mit dem Fortschritt der Medien selbst gewandelt. Noch immer wird die Fantasie der Hörer und Hörerinnen über den Hörsinn angeregt; über Töne und Musik wird versucht, die emotionalen Seiten der Menschen zu erreichen. Darüber hinaus jedoch hat der moderne Nutzer die Möglichkeit, Sendungen unabhängig von der Sendezeit als Podcast im Internet herunterzuladen oder auf Facebook oder Twitter die aktuellsten Nachrichten abzuhören. Dahinter steht die traditionelle journalistische Arbeit, die den journalistischen ethischen Standards für Radioarbeit, Respekt vor dem Hörer, Fairness, Authentizität, Verantwortung und Transparenz, verpflichtet ist. Und was das bedeutet, hat die 9zm in vielen kleinen unterrichtlichen Puzzleteilen zum Thema Radio in diesem Schuljahr erarbeitet.

Zunächst einmal begannen die Schülerinnen und Schüler damit, sich ein kleines Grundlagenwissen zu erarbeiten: Angefangen bei einem Film über das deutsche duale Rundfunksystem, über das Erstellen von Sendersteckbriefen zu N-Joy, Delta-Radio oder Radio Hamburg, die Planung einer eigenen Radiosendung mittels der Methode einer Sendeuhr mit Nachrichten, Werbeblock, ihren Lieblingssongs aus den aktuellen Charts, Verkehrshinweisen, Wetterbericht oder Radio-Comedy war viel Interessantes dabei.

In einem zweiten Schritt wurde der Flextag am 13.11.2018 zu einem besonderen, arbeitsintensiven und informativen Erlebnis: Denn in einer fächerübergreifenden Kooperation versuchten wir uns zusammen mit der Physiklehrerin Frau Bertels im Bau eines eigenen Radios, bevor wir uns auf den Weg zum NDR begaben.

Als Zwischenfazit mussten wir feststellen, dass es gar nicht so einfach war, aus Kupferlackdraht, Germanium-Diode u.Ä. ein funktionstüchtiges Gerät zu basteln. Die Zeit reichte dafür bei Weitem auch gar nicht aus, sodass wir am Tag der offenen Tür, „GSH im Blickpunkt“, mit einer kleinen Freiwilligengruppe nochmals zusammenkamen und mittels eines 20m langen, kunststoffisolierten Drahtes, der durch den ganzen Klassenraum in E211 bis zum Fenster hinaus gespannt wurde, versuchten, auf irgendeiner Frequenz ein Sendesignal zu empfangen. Und: Frau Bertels würde heute noch schwören, dass sie einen russischen Radiosprecher ein paar Worte hat hören sagen.
Einen anschaulichen Eindruck vom Arbeitsalltag in einem lokalen Radiosender erhielten wir am 13.11.18 von 11.00-13.00 Uhr bei einem Rundgang durch das Rundfunkhaus des NDR bei der N-Joy Jugendredaktion. Wir starteten im Tonstudio und führten dort ein wirklich aufschlussreiches 45minütiges Gespräch über die Produktion von Sendebeiträgen, die penibel vorbereitet werden müssen. Alle Schülerfragen von der Möglichkeit der Einflussnahme auf die Musikauswahl beim Radio, über technische Details zur Kombination mehrerer Tonspuren und zum Einsprechen von Hörbeiträgen bis hin zu Berufsbildern beim Rundfunk wurden detailliert und geduldig beantwortet. Einzig die Frage, wie man mit im Radio gesendeten FakeNews umginge, wurde uns persönlich genommen und vehement zurückgewiesen, denn ja, Fehler schlichen sich immer mal wieder in die Nachrichtenarbeit ein, aber nein, absichtliches Streuen von Falschmeldung sei nicht im Sinne des Senders. Nachdem wir dann noch zehn Minuten live im neuen Radio-Cockpit von N-Joy der Arbeit des Moderators beiwohnen konnten, marschierten wir nicht wenig beeindruckt von dessen interessantem Arbeitsplatz, an der Statue von Äolus, dem Gott des Windes, vor dem Gebäude zurück zur Schule.

So hatten wir uns bis zum Beginn des zweiten Schulhalbjahres ein solides, aber theoretisches Radio-wissen aufbauen können. Nun sollte es praktisch werden! Der Einstieg in die Radioproduktion gelang mit der großartigen Unterstützung der SchnappfischRedaktion des Hamburger Ausbildungskanals TIDE vom Kunst- und Mediencampus Hamburg.

Die Klasse 9zm beschäftigte sich schon lange vor der Projektwoche im Februar intensiv mit dem schulübergreifenden Projektwochenthema RESPEKT!, denn schließlich muss man inhaltlich etwas zu sagen haben, wenn man auf Sendung geht. Alle Vorbereitungen liefen darauf hinaus, dass in den Projektwochentagen kluge Umfragen in der Harburger Einkaufspassage mit Harburger Bürgern und Bürgerinnen geführt werden konnten, Interviews, z.B. mit unserem Schulpolizisten, aufgenommen werden konnten, informative Beiträge mit O-Tönen erarbeitet und passende Musiktitel wie Aretha Franklins „Respect“ herausgesucht werden konnten. Die Neuntklässler und Neuntklässlerinnen lernten dabei, unterstützt von professionellen Medienpädagogen und -pädagoginnen von Schnappfisch, wie nebenbei mit dem entsprechenden Schnittprogramm Audacity umzugehen, sodass der Aufnahmetag an der Medienakademie schon gut vorbereitet war. Vor Ort war es dann jedoch in den für uns reservierten Aufnahmestudios 1 und 2 noch einmal eine ganz andere Sache, die selbst geschriebenen An- und Abmoderationen richtig einzusprechen. Bei manchem saß der erste Versuch, bei manchem wiederholten wir, bis alles fehlerfrei war. Auf das Ergebnis, das alle am 11.03.19, mitten in den Märzferien, über TIDE 96.0 zu hören versuchen und dessen Link man zum Nachhören über die Homepage der GSH findet, sind die Radiomacher der 9zm heute noch stolz.

Was bleibt? – „Ich weiß jetzt, wie schwer es ist, eine Radiosendung zu produzieren.“, hat mehr als eine Schülerin bzw. ein Schüler in der Auswertung notiert. Was bleibt, ist, dass die Klasse 9zm nach dem Besuch des Radiosenders, der Auseinandersetzung mit der Geschichte des Mediums, dem versuchten Bau eines eigenen Radios und der Produktion einer eigenen Radiosendung zu einer Haltung der Wertschätzung von Radioarbeit gelangt ist. Radio werde als ein Medium unter vielen anderen und allzu alltäglicher Alltagserscheinung allzu leicht unterbewertet.